- Bericht 17 Dikhil - Addis Ababa (Äthiopien) 18.01.08 - 01.02.08; Kilometer: 8300 - 9050;

Mit gemischten Gefühlen kam ich an die äthiopische Grenze. Im Vorfeld hatte ich viele Geschichten von anderen Reisenden über dieses Land gehört. Die einen lieben das Land, die anderen hassen es und bekommen Aggressionen auf Kinder, wenn sie nur an Äthiopien denken. Wurden sie doch immer wieder, vor allem von Kindern belästigt und auch teilweise mit Steinen beschmissen. Ich machte mich auf das Schlimmste gefasst und war froh, dass ich mit Kenny, dem Kanadier, die ersten Tage in dem neuen Land bewältigen würde.

Das Erste, was ich in Äthiopien sah, waren keine Kinder, die mit Steinen bewaffnet am Wegesrand standen, auch nicht ein Schild mit „Welcome to Ethiopia“, nein es war eine große Reklametafel, die für das St. George Bier warb. Oh ja, Bier! Ich freute mich schon sehr darauf, nach dem alkohollosem Sudan und Jemen, am Abend mal wieder ein gutes Bier zu trinken. Diese Vorfreude war auch Motivation genug von einem Salzsee aus die erste Anhöhe zu erklimmen. Immer wieder stoppten wir um die Ausblicke auf diese bizarre Landschaft zu genießen. Gegen Abend hatten wir es geschafft und erreichten den ersten Ort in Äthiopien. Das Bier schmeckte vorzüglich. Dies lag wohl an der Qualität des Gerstensaftes, aber auch an den bis dahin überwiegend positiven Eindrücken von dem Land. Bis jetzt war das Land nur sehr gering besiedelt und somit radelten wir in Ruhe vor uns hin. Nur selten kamen ein paar Kinder angerannt, begrüßten uns freudig mit „YOU, YOU, YOU!“ und fragten nach Stiften, Geld oder was sonst gerade benötigt wurde. Schon am nächsten Tag nahm das Begrüßen, Bitten und Betteln deutlich zu, aber die Menschen blieben freundlich. Nach einiger Zeit nimmt man das Ganze auch mit recht viel Humor. So verwies ich gerne mal auf imaginäre Radfahrer, mit dickem Geldbeuteln, die nach mir kommen würden. Auch spielten wir gerne mal den Weihnachtsmann. Leider war Weihnachten schon vorbei und Muslime glauben nicht daran, also Pech gehabt. Das klingt vielleicht alles ein bisschen hart oder arrogant, aber wenn man von früh bis spät nach Geld gefragt wird, dann muss man solche Späße machen, sonst dreht man total durch. Oft gelang es uns aber durch ein Lied oder ein paar Späße die Kinder abzulenken und wir hatten viel Freude zusammen. An so manchen Anstiegen rannten die Kinder mehrere Kilometer neben uns her. Nicht umsonst ist Äthiopien das Land der Läufer.

 

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Mit Erreichen der ersten Gebirgskette, deren Berge bis weit über 3000 Meter reichen, veränderte sich die Landschaft von einem verbrannten braun in ein sattes grün. Deutlich war hier zu erkennen, dass an dieser Erhebung die feuchten Luftmassen, die vom Meer her kommen, das erste Mal gestoppt werden. Viele Feldterrassen sind an den Hängen angelegt, die die Menschen hier mühselig mit Pflug und Ochsen bestellen. Ein wenig erinnert die Landschaft an den Jemen, nur dass die Terrassen hier einfacher gebaut sind.

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In Kembolscha erreichten wir wieder die asphaltierte Hauptstraße und beschlossen, in einem Hotel unsere Fahrräder und Gepäck einzulagern, um mit dem Bus zu den Monolith-Kirchen in Lalibela zu fahren. Einen ganzen Tag waren wir auf einer schlechten Piste unterwegs, um die nur 250 Kilometer entfernten Kirchen zu erreichen. Von Weiten sahen wir nichts Auffälliges. Erst als ich mich bis auf wenige Schritte den Kirchen näherte, konnte ich sie erkennen. In tiefen Löchern befanden sich die Bauwerke. Sie wurden nicht, wie man es kennt, oder vermutet in die Höhe gebaut, nein bei Ihnen hat man mit dem Dach angefangen und sich langsam in den Untergrund gegraben. Somit wurden riesige Steinblöcke freigelegt, die anschließend ausgehöhlt wurden. Leider haben mittlerweile der Wind und das Wetter ihre Spuren hinterlassen und die oberen Stockwerke stark erodiert. Die Italiener haben deswegen angefangen, mit großen Dachkonstruktionen das UNESCO Weltkulturerbe zu schützen. Leider geht dadurch das ganz besondere Flair dieser ca. 600 Jahre alten Kirchen verloren, aber dies scheint die einzige Möglichkeit zu sein, diese Bauwerke auch für die Nachwelt zu erhalten.

 

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Von hier aus gingen Kenny und ich getrennte Wege. Kenny wollte noch etwas länger bleiben. Wer ohne jeglichen Zeitplan unterwegs ist, rastet auch gerne mal etwas länger. So machte ich mich wieder alleine auf den weiteren Weg nach Addis Ababa. Am zweiten Tag ging es von 1000 Meter hinauf zu einem 3250 Meter hohen Pass. Ich weiß nicht, was an dem Tag mit mir los war, aber meine Kräfte waren nicht da. Kraftlos und mit zahlreichen Pausen quälte ich mich die steile Straße hinauf. In einem kleineren Dorf war ich wieder von zahlreichen Kindern umgeben, die mich begleiten wollten. Durch die Erschöpfung hatte ich keine Lust auf Kommunikation und auch nicht auf sonstige Gesellschaft. Aber es half nichts, ich wurde sie nicht los. Ein Junge meinte, er würde auch in den nächsten 15 Kilometer entfernten Ort radeln. Ich freute mich zuerst nicht so sehr über diese Nachricht. Dies änderte sich allerdings, als er erkannte, dass ich am Ende meiner Kräfte war und er begann alle Kinder, die an die Straße gerannt kamen zu motivieren, mich anzuschieben. Die Kinder hatten so gar keine Gelegenheit mehr, nach Geld oder anderen Dingen zu fragen, denn sie mussten mich anschieben. Immer wieder feuerte er die Kinder an: „Puusch, Puusch!!!“ Es war eine große Erleichterung, aber dennoch anstrengend für mich. Er selber radelte auch immer wieder ein paar Meter voraus, stellte sein Fahrrad ab, lief zu mir hinunter und schob mich ein paar Meter an. Drei Stunden später erreichte ich völlig ermattet den nächsten größeren Ort und nahm mir ein Zimmer im ersten Hotel. Zur Belohnung lud ich den Jungen zum Abendessen ein. Er ließ sich das Volksgericht „Tipps“, ein großer leicht säuerlicher Pfannkuchen, mit in Butter gebratenen Fleischstückchen, kräftig schmecken. Ich allerdings hatte Mühe, ein paar Bissen hinunter zu bekommen, zu ausgelaugt war mein Körper. Erst am nächsten Morgen hatte ich wieder Appetit und stärkte mich mit Nudeln.

Was mit mir los war weiß ich nicht, ich hatte steilere und längere Pässe im Jemen gehabt, die ich problemlos hinaufgeklettert bin. Eventuell hatte ich zu wenig gegessen gehabt und dazu einfach noch einen schlechten Tag gehabt. Am folgenden Tag fuhr ich den restlichen Pass hinauf und füllte fast an jedem Restaurant am Wegesrand meine Reserven auf. Meine ursprünglichen Kräfte waren noch lange nicht wieder voll da, aber langsam kam ich dann doch ans Ziel.

Nach einem weiteren langen Tag auf der Straße erreichte ich Addis Ababa und besuchte dort das erste Projekt von MISEREOR. (hier sind mehr Informationen zu finden)

Ich entschied mich auch dazu meine weiteren Reisepläne zu ändern. Die Lage in Kenia ist zur Zeit einfach zu unübersichtlich und gerade im Nordwesten des Landes herrschen teilweise chaotische Zustände. Nach einem Abstecher in den Süden Äthiopiens werde ich somit nach Addis zurückkehren, noch einen Vortrag über meine Reise im German House halten, dann mit dem Flugzeug nach Entebbe (Uganda) fliegen und von dort aus meine Reise wie geplant fortsetzen.
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